HAZ vom 21.04.2010: Umzingelt von Gemeinschaft

Josephiner spielen „Die Welle“ in St. Lamberti VON STEPHANIE DREES

HILDESHEIM. Laura ist eingekreist. Dämonen mit Plastikoveralls und weißen Masken haben sie buchstäblich in die Enge gedrängt. Nun liegt sie zwischen Kunstnebelschwaden und entindividualisierten Phantomen auf dem Boden. Zum Glück war das Ganze nur ein Traum. Inszeniert auf einer Theaterbühne, gespielt von Schülern der Mittelstufen-Theater-AG des Gymnasiums Josephinum.

Doch die Realität hat viele Ebenen. Vor kurzem wurde der Befreiung der Konzentrationslager vor 65 Jahren gedacht. Die Hauptstadt begrüßte eine der letzten Überlebenden des Holocaust als Ehrenbürgerin. Das Credo der 88-jährigen Margot Friedlander: hinschauen, sich trauen, Bewusstsein schaffen.

Auch auf der Bühne im Gemeindesaal am Neustädter Markt flimmern die Worte, die die Frage nach Aktualität und Relevanz des Themas beantworten, über eine Leinwand: „Es ist geschehen, folglich kann es auch wieder geschehen.“

27 Josephiner haben sich einem theatralen Experiment unterzogen, das ein reales Experiment zur Grundlage hat. „Die Welle“, sowohl literarisch als auch filmisch mehrfach verarbeitet, basiert auf dem Sozialversuch des Lehrers Ron Jones. 1967 wollte er im kalifornischen Palto Alto seine Schüler die Frage nach der Ungeheuerlichkeit eines diktatorischen Systems selbst beantworten lassen.

Entwicklung einer Miniaturdiktatur

Der Ausgang ist zur realen Legende geworden: Von kleinsten, disziplinierenden Maßnahmen bis hin zu einem (fast) alles überrollenden System hatte sich die „Welle“ zu einer Miniatur-Diktatur entwickelt. Inklusive Gewaltausbrüchen, die eine klare Sprache sprechen.

Diese Sprache ist für so junge Spieler nicht einfach zu finden. Den Jugendlichen im Alter von

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zwölf bis 14 Jahren gelingt in den meisten Szenen gerade vor dem schwierigen Hintergrund eine eindringliche Leistung. Sie fühlen sich ein, arbeiten mit dem Körper, rhythmisieren die Sätze.

Das ist eine Besonderheit, die von großer Leidenschaft zeugt: Klassisches Deklamationstheater, wie bei Schultheater-Inszenierungen oft üblich, ist das nicht. Das künstlerisch Besondere zeigt sich vor allem in den Dialogen der Hauptdarsteller, aber auch in gut komponierten Gruppenszenen.

Das Projekt wurde von den Jugendlichen größtenteils selbst in die Hand genommen. Organisatorisch und beratend standen Lehrer Michael Schönleber der Gruppe zur Seite sowie die ehemaligen Josephiner Jonas Herzberg und Alexander Ulmer. Beide übernahmen technische Aufgaben und brillierten in Erwachsenen-Rollen.

Diese große Selbstverantwortlichkeit beeindruckt so sehr, dass ein paar dramaturgische Wackler nur leicht ins Gewicht fallen. Längen im Mittelteil, der abrupte Abriss von anerzählten Konflikten wie dem der Figur Robert und atmosphärisch unpassendes Gedudel von Norah Jones in den Umbaupausen sind kleine Felder der kosmetischen Ausbesserung. „Die Welle“ ist eine Inszenierung, die sich ihrem Anspruch treu zeigt: Sie bleibt in Erinnerung.

Kinder hüten auf  4000 Metern Höhe

Jonas Herzberg absolviert ein Freiwilligen Jahr in Bolivien

In wenigen Tagen kehrt Jonas Herzberg Hildesheim den Rücken. Am 11. August startet in Hannover sein Flieger nach La Paz in Bolivien. Der 19-jährige Abiturient verabschiedet sich jedoch nicht für immer. Er absolviert in Südamerika ein freiwilliges soziales Jahr als Ersatz für den Zivildienst.

Ganz fremd ist ihm die Stadt nicht. In der elften Klasse verbrachte Herzberg bei einem Schüleraustausch vier Monate in La Paz. Auf das Wiedersehen mit seiner Gastfamilie freut er sich schon jetzt. An die dünne Luft auf knapp 4000 Metern Höhe wird er sich jedoch erst wieder gewöhnen müssen, das weiß er noch von seinem ersten Aufenthalt. „Da kann es schon passieren, dass man zum Bus laufen will und nach zehn Metern völlig aus der Puste ist.“

Dieses Mal fährt er nicht als Schüler. „Im Vordergrund steht die Betreuung einer integrativen Kindergruppe“, erklärt der Abiturient.  Außerdem arbeitet er für das Unternehmen Waliki, das Kleidung und Decken aus Alpaka-Wolle herstellt und auch eine Filiale in Hildesheim betreibt. „Das Ziel ist, die Ladenkette im Süden des Landes zu etablieren.“ Während des Schüleraustausches habe er bereits dabei geholfen, den ersten Laden aufzubauen.

Was ihn an Bolivien fasziniere, seien in erste Linie die Menschen. „Die Lebensfreude der Leute ist ungemein groß, ganz egal wie arm sie sind und manchmal nicht wissen, wovon sie am nächsten Tag leben sollen“, erzählt der 19-Jährige. Wenn jemand ein Problem habe, stünden alle bereit, um ihm zu helfen.

Durch den Austausch weiß der ehemalige Josephinum-Schüler bereits, was auf ihn zukommt. Derzeit besucht er dennoch in Köln ein zehntägiges Vorbereitungstreffen beim Zentrum für Freiwilligendienste. „So wird man nicht ins kalte Wasser geworfen“, findet er.

Trotz aller Vorbereitung fällt dem 19-Jährigen der Abschied schwer. Nach und nach sagt er momentan seinen Freunden auf Wiedersehen. Seine Verantwortung in der Theater-AG des Josephinums sowie bei der Messdienerarbeit in der Kirchengemeinde habe er bereits seinen Nachfolgern übertragen. „In meiner Brust schlägt sozusagen ein lachendes und ein weinendes Herz“, gesteht er.

Wie es nach seinem Jahr in Bolivien weitergehe, wisse er noch nicht genau. Wahrscheinlich werde er ein Studium beginnen. „Entweder Medizin oder Schauspiel und Regie.“ Wann er zurückkehre, stehe jedoch noch nicht 100-prozentig fest. Bei Waliki arbeite er offiziell bis zum 10. August 2010. „Ob ich aber am 11. August schon wieder in Hildesheim bin, das weiß ich noch nicht.“

(A. Bertelsmeier, Hildesheimer Allgemeine Zeitung vom 27.08.2009)


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